„Ich bin noch immer Patriot“ | Der AfD-Aussteiger, der sein Leben für die Ukraine riskiert

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Hunderte Deutsche unterstützen die Ukraine – manche als Kämpfer, andere als Helfer an der Verteilungsfront. Einer von ihnen ist der Ex-AfDler Michael Schmid. Was treibt ihn an?Michael Schmid steht mit seiner kleinen Truppe von Missionaren an einer Tankstelle in der Südukraine und betet. Im olivgrünen Parka und Deutschland-Flagge am Ärmel bittet der 23-Jährige um göttlichen Beistand für die anstehende Reise.Seine Begleiter – vier junge Deutsche, zwei Amerikanerinnen – hören mit geschlossenen Augen zu. Es ist ein seltsamer Moment des Innehaltens an dieser mäßig besuchten Tankstelle am Stadtrand von Mykolajiw. Es ist Ende 2022, 70 Kilometer weiter tobt der Krieg, vor Kurzem wurde die Stadt Cherson von ukrainischen Truppen befreit. Vorbeter Schmid spricht noch ein paar Stoßgebete, bevor die sechs Christen in schusssicheren Westen in ihre Jeeps steigen und sich an die russische Front aufmachen.Schmid bittet Gott um seinen Segen für nahezu jedes denkbare Szenario, das tödlich oder irgendwie stressig enden könnte: russische Raketen auf den Konvoi, platzende Reifen, Minen auf der Fahrbahn oder ukrainische Checkpoints, die Probleme machen. Gott habe eine persönliche Beziehung zu den Menschen, sagt er, kein Anliegen sei da zu klein.Freiwilliger Einsatz für die UkraineSchmid leitet die Ukraine-Operationen von House of Hope, einem christlichen Hilfswerk mit Sitz in Göttingen. Seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 kurvt er durch die Ukraine und verteilt Hilfsgüter. Er ist einer von Hunderten Deutschen, die freiwillig ihr Leben riskieren, um dem angegriffenen Land zu helfen. Manche kämpfen mit der Kalaschnikow gegen die russischen Angreifer (mehr erfahren Sie hier), andere wie Schmid operieren an der Verteilungsfront.Obwohl die Bundesrepublik international als Zauderer gilt, wenn es um die militärische Unterstützung der Ukraine geht, ist die Solidarität der Deutschen weiterhin hoch. In Umfragen steht der Großteil der Bevölkerung hinter dem angegriffenen Land – trotz Inflation, Energiekrise und russischer Erpressungsversuche. Das zeigt sich auch am riesigen Spendenaufkommen: Mehr als 67 Organisationen sammelten 862 Millionen Euro für die Ukraine (Stand Oktober 2022), wie das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen vorrechnet und spricht von einer „rekordverdächtigen“ Summe.Eine von ihnen ist House of Hope und einer der Helfer Michael Schmid. Was treibt einen jungen Mann wie ihn an, der nach der Fachhochschulreife mal als Kellner, mal als Verpacker und in der Altenpflege gejobbt hat, bis er 2021 die Stelle als Jugendbetreuer in der Baptistengemeinde seiner Heimatstadt Gundelfingen annahm? Ein Mann, der in seiner Jugend bei der AfD war?Früher stramm rechtsDamals war er stramm rechts, skandierte bei Demos „Grenzen schließen, Leben retten“. Mit 17 Jahren hatte er sich der Jungen Alternative (JA) in Baden-Württemberg angeschlossen. Die AfD-Jugend dort gilt als besonders weit rechtsaußen, seit 2018 wird sie vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall eingestuft.“Für mich hatte die AfD damals eine starke Anziehungskraft“, erzählt Schmid auf der Fahrt nach Cherson. Am Autofenster ziehen Felder, zerbombte Häuser und ukrainische Checkpoints vorbei. Draußen nieselt es, schon bald wird der Regen Teile der Straße in eine Schlammspur verwandeln.Damals, erzählt Schmid, auf dem Höhepunkt der Migrationskrise 2015, habe die Partei den Politikbetrieb aufgewirbelt und einfache Lösungen versprochen. Die Medien hätten die Probleme oft verschleiert oder einseitig berichtet, fand er, und die AfD sei für ihn die einzige Partei gewesen, die das aufgriff. Sein damaliges Motto war „Alles raus, was sich danebenbenimmt“, selbst Minderjährige und Schwerverletzte wollte er abschieben. Schmid sagt, es hätte nicht viel gefehlt, da wäre er zum richtigen Nazi geworden. Heute bereut er das. Er sei naiv gewesen, habe sich als junger Mensch von falschen Propheten und Parolen verleiten lassen, sagt er.Der letzte Checkpoint vor Cherson nähert sich: Schmid, am Steuer, winkt den schwer bewaffneten Soldaten zu, sein Konvoi darf passieren. Wenige Kilometer später halten die Jeeps in Cherson vor dem Gittertor einer Kirche. Die jungen Christen werden von Pfarrer Serhiy Synyi – grauer Bart, schwarze Lederjacke, glasige Augen – überschwänglich begrüßt. Synyi leitet die kleine Baptistengemeinde im Norden von Cherson, sie ist eine von rund 3.000 in der Ukraine, wo die meisten orthodoxe Christen sind. Schmid hatte sich tags zuvor angekündigt, er ist gekommen, um mit dem Pfarrer über die mehreren Tonnen Hilfspakete zu sprechen, die in Schmids Truck in Mykolajiw warten. Die Vorräte der Kirche seien bald erschöpft, erzählt der Pfarrer bei Borschtsch und einem Häufchen Salat, ständig müsse er Hungrige vor seiner Kirche wegschicken.“Verrat am eigenen Land“Dass sich Schmid, der bei der letzten Bundestagswahl FDP gewählt hat, plötzlich für die Ukraine einsetzt, sogar sein Leben aufs Spiel setzt, können nur wenige seiner ehemaligen AfD-Kameraden verstehen. Manche nennen ihn Feigling, andere werfen ihm „Verrat am eigenen Land“ vor. Letzteres findet Schmid besonders absurd, er hält sich noch immer für einen Patrioten, der für sein Land sterben würde: „Wenn Russland morgen Deutschland angreift, wäre ich der Erste, der sich einschreiben würde.“Es begann mit einem Video, das Schmid im Februar 2022 über den russischen Angriffskrieg sah. Das Leid der Menschen schockierte ihn so sehr, dass er in seiner Baptistengemeinde im baden-württembergischen Gundelfingen spontan Essens- und Geldspenden sammelte, einen Transporter mietete und auf eigene Faust die ersten Tonnen Hilfspakete in die Ukraine brachte.In Kiew traf er dann auf den Leiter von House of Hope, ein diakonisches Hilfswerk, das neben Kriseneinsätzen wie in der Ukraine auch bei der Flutkatastrophe im Ahrtal mit Freiwilligen aushalf. Die Organisation versteht ihren Auftrag als „christlich gelebte Nächstenliebe“, wie es auf der Website heißt, sieht sich aber nicht primär als Missionswerk (mehr dazu in der Infobox).Schmid gefielen die Werte der Organisation, er schloss sich ihr an. Sechs Monate später leitet er die Ukraine-Sektion von House of Hope, das nach eigenen Angaben bereits 8.000 Tonnen Hilfsgüter dort verteilt hat.“Wir gehen dorthin, wo die Verzweifelten sind“Zuletzt häuften sich Schmids Einsätze. In den neun Monaten, die er seit dem vergangenen Februar in der Ukraine gewesen ist, hat sich seine Organisation einen Namen gemacht: Ihre Autos tragen die schwarzen Nummernschilder des ukrainischen Militärs und werden bei Checkpoints meist durchgewunken. Immer mehr Anfragen lokaler Behörden erhalte er, sagt Schmid. Freiwillige aus Deutschland meldeten sich bei ihm, wollten mit auf die Touren durch die Frontstädte.Schmid scheint sich dabei immer die gefährlichsten Orte auszusuchen: Cherson, Bachmut, Soledar, Lyssytschansk. Als die ostukrainische Stadt Charkiw im März vor der Einkreisung durch russische Truppen stand, setzte sich Schmid in einen Laster mit Lebensmitteln und fuhr los. „Wir gehen dorthin, wo die Verzweifelten sind“, sagt er.In Cherson sind nach der Befreiung von den Russen besonders viele Verzweifelte. Die Versorgungssituation Ende des Jahres ist desaströs, es fehlt an allem. Dutzende Menschen stehen an diesem Tag im Nieselregen vor der Kirche Schlange für 5-Liter-Kanister Wasser und Weißbrot, das die Baptistengemeinde mehrmals pro Tag verteilt. Für Schmid, so erzählt er es am Tisch von Pfarrer Synyi, gehöre beides zusammen: Brot, Fleischkonserven, Medikamente und die Hoffnung, die der Glaube gebe.Daher hält Schmid vor jeder Essensausgabe eine kurze Predigt. Das habe auch einen ganz praktischen Grund: „Sie helfen, Aggressionen beim Schlangestehen abzubauen und ein Gemeinschaftsgefühl zu vermitteln.“ In Lyman seien sie von einer Menschenmenge überrollt worden, sobald sie die Laster öffneten, erzählt Schmid.“Ohne Zuversicht überlebst du diesen Krieg nicht“Als sie im vergangenen September durch die befreiten Dörfer im Gebiet Charkiw fuhren, kamen 16.000 Menschen zu ihren Gottesdiensten mit anschließender Essensausgabe. Aber kommen die nicht vor allem wegen der Hilfsgüter? Die Menschen brauchten beides, sagt Schmid: „Nahrung und Hoffnung. Ohne Zuversicht überlebst du diesen Krieg nicht.“ Wie viele Menschen sich das Leben nehmen in den langen Nächten der Ukraine, weil sie so verzweifelt seien, darüber spreche keiner, sagt Schmid.Sein Antrieb sei Nächstenliebe. Ob er helfen würde, wenn er nicht an Gott glaubte, kann er nicht sagen. Für Schmid eine ohnehin „sinnlose“ Frage. Denn „Gott lebt und er ist gut“. Schmid kommt aus christlichem Elternhaus. An Gott habe er schon immer irgendwie geglaubt, sagt er, allerdings nicht mit strengen Regeln und Traditionen. Aber wirklich zu ihm fand er Ende 2019.Damals arbeitete er in einer Shisha-Bar in Freiburg, wo er am helllichten Tag brutal ausgeraubt wurde. Zehn junge Männer schlugen ihn und zwei seiner Kollegen zusammen, drohten mit dem Messer, falls jemand um Hilfe riefe. Schmid wurde am Kopf verletzt, doch schwerer wogen die Angst und das Gefühl der Ohnmacht, die ihn noch wochenlang danach quälten. Nicht der Traumatherapeut, den er danach aufsuchte, war es, der ihm half, sondern Gott. Da ist sich Schmid sicher. Denn in seiner Not hatte er begonnen zu beten, so lange, bis er merkte, „dass da jemand zuhört“. Von da an beschloss er sein Leben ganz in Gottes Hände zu geben.Vorwürfe, etwa von Nutzern auf seiner Instagram-Seite, dass er ja nur in der Ukraine sei, weil dort Christen bedroht seien, weist Schmid zurück. Er würde auch in den Iran gehen, wenn er die Zeit hätte. „Ich bin nicht hier, nur um die Leute zu missionieren. Mich trifft das Schicksal der Ukrainer wirklich, ich möchte helfen.““Dir stehen alle Türen offen“Es ist abends, als der Konvoi aus Cherson ins Hotel in Mykolajiw zurückkehrt. Aus den rostigen Hähnen kommt nur Luft, russische Raketen hatten Tage zuvor die Wasserversorgung der Region beschädigt. Auf dem Zimmer sinniert Schmid über den Tag. Das Treffen mit Pfarrer Synyi lief gut, auch wenn noch viele Fragen zu klären sind. Seine Teammitglieder machen Druck, den Truck mit den Essenspaketen schon morgen zum Pfarrer zu fahren. Doch Schmid brütet noch über die beste Methode, wie sie die Hilfe verteilen sollen: per Registrierung, um Missbrauch zu vermeiden? Oder einfach die Pakete abladen? Er will es richtig machen.Schmid weiß, dass es für Außenstehende nicht immer nachzuvollziehen ist, was er da monatelang im Kriegsgebiet treibt. Er erklärt es beispielsweise auf Instagram, indem er ein Video postet, das erst feiernde Jugendliche zeigt (Text dazu: „Was andere Leute um 6 Uhr morgens machen“) und kurz darauf ihn, wie er mit Stahlhelm und Schutzweste einem vorbeiröhrenden ukrainischen Panzer zuwinkt (Text dazu: „Was ich mache“). Schmid will die Welt verändern. Bei der AfD habe man ihm immer gesagt, aus ihm werde mal was Großes, „dir stehen alle Türen offen“. Er erzählt das fast stolz. Heute will er einen Unterschied machen, indem er den Schwachen in der Ukraine hilft.Russlands „Weihnachtsmassaker“ in ChersonDoch auf vieles, was ihn dort erwartete, sei er nicht vorbereitet gewesen: Raketeneinschläge, die ihn nur knapp verfehlten, eine Irrfahrt durch vermintes Gelände, ukrainische Soldaten, die ihm unter Tränen Kriegsverbrechen beichteten. Am schlimmsten sei dann der Heilige Abend gewesen. Schmid erzählt das am Telefon im Urlaub zu Hause, wenige Tage nach seiner Rückkehr nach Deutschland.Vor seinen Augen habe Russland dort ein Blutbad angerichtet. „Das Weihnachtsmassaker“, so nennt es Schmid. Es begann am Mittag des 24. Dezember, er und seine Leute organisierten gerade ein dreitägiges Weihnachtsevent in Cherson: Hilfspakete für bis zu 20.000 Menschen, ein kleiner Markt, Weihnachtsgeschenke für Kinder. Plötzlich sei es losgegangen. Russische Truppen von der anderen Uferseite des Dnipro feuerten Raketen und Mörsergranaten auf die Stadt. Schmid, der gerade Weihnachtsgottesdienst feierte, eilte mit seiner Crew ins Zentrum, um Verletzten zu helfen.Als sie ankamen, sahen sie ein Schlachtfeld: Abgerissene Beine auf den Straßen, brennende Autos, regungslose Körper in einer Blutlache. Der Rettungssanitäter in Schmids Truppe versuchte, die Blutungen zu stoppen, aber es war zu spät. „Wir sind nur von Leiche zu Leiche gerannt.“Einer Frau hatte ein Geschoss das Gesicht weggesprengt, ihr Kopf war nur noch eine offene Fleischwunde. Rettungssanitäter im Team hatten ihn noch gewarnt, sich die Toten nicht zu lange anzusehen. Jetzt lässt ihn die Frau nicht mehr los. Ebenso wenig wie der Sohn, der fassungslos in den Fleischklumpen starrte, der mal der Kopf seiner Mutter war. Schmid sucht nach Worten, als er das am Telefon erzählt. Er wirkt müde, das war Ende des Jahres an der Tankstelle von Mykolajiw nicht so. Verliert er die Hoffnung?Schmid will zurück in den KriegDie letzten Wochen seien „ultraanstrengend“ gewesen, sagt er, jeder Tag ein Kampf. Oft müsse er an mehreren Fronten gleichzeitig operieren: Hilfslieferungen organisieren, 70 Fahrzeuge in Schuss halten, über vermintes Gelände fahren, ein Team führen, die Basis in Dnipro renovieren. Manchmal falle es ihm schwer, sich am Morgen aufzurappeln, sagt er.Trotzdem will er bald wieder losziehen. Schmid glaubt, es gehe jetzt erst richtig los. Seine Organisation bekomme „auf allen Ebenen“ Anfragen von der ukrainischen Regierung. In Kiew habe man gesehen, was House of Hope in Cherson auf die Beine gestellt habe, sagt er. „Unser Angebot an die Regierung ist: Ihr gebt uns die Location, und wir versorgen die Menschen mit Essen und Hoffnung.“Wie lange er das noch machen will? Schmid sagt, er sei in der Ukraine so oft dem Tod von der Schippe gesprungen, er glaube nicht mehr an Zufall. „Ich lebe noch, weil mich da oben jemand beschützt und will, dass ich weitermache.“ Wie lange das sein wird, kann er nicht sagen.Dann legt er auf. Die Vorbereitungen für den nächsten Trip laufen schon.
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