Eine Schockwelle für Europa und die Welt

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Geht es weiter wie bisher, wird es schon bald nicht nur ungemütlich, sondern tödlich: Eine Lawine neuer Klimastudien zeigt, wieso es allen Grund zur Sorge gibt.“Die Klimakrise bringt uns um.“ Was klingt wie der Schlachtruf einer Klimademo, ist die Stimme eines verzweifelten UN-Generalsekretärs. Nahezu jeden Tag der vergangenen Woche warnte António Guterres vor den apokalyptischen Folgen des Klimawandels: „Wir werden verdammt sein.“ „Wir sind auf dem Weg zu wirtschaftszerstörender Erderhitzung.“ „Wir rennen in die Katastrophe.“Übertrieben? Panikmache? Im Gegenteil. Mehrere neue Studien zeigen, wie es aktuell um den viel beschworenen Kampf gegen die Klimakrise und ihre Folgen bestellt ist: erbärmlich. Bevor der Weltklimagipfel am 6. November im ägyptischen Sharm el-Scheich beginnt, zeigen Ärzte, Meteorologen, Ökonomen, Biologen und Klimaforscher, dass nach Jahrzehnten großer Worte und kleiner Taten inzwischen alles auf dem Spiel steht.Im Überblick bei t-online lesen Sie die wichtigsten Erkenntnisse, mit denen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Politik und Weltbevölkerung wenden.1. Europa erhitzt sich schneller als Rest der WeltDer Jahresbericht der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) sandte Anfang November eine Schockwelle über den Kontinent: Die Temperaturen in Europa steigen mehr als zweimal so schnell wie im weltweiten Durchschnitt. Dort, wo man lange überzeugt war, die Klimakrise sei ein zukünftiges Problem des globalen Südens, schreitet die Erderhitzung besonders schnell voran.Laut Daten der WMO hat sich das europäische Klima seit 1991 jedes Jahrzehnt um durchschnittlich 0,5 Grad Celsius erwärmt. Gerade in Deutschland steigen die Temperaturen besonders rasant, wie der Deutsche Wetterdienst betont.Liegt die weltweite Durchschnittstemperatur inzwischen rund 1,25 Grad über vorindustriellen Werten, erreicht der entsprechende Wert für die Bundesrepublik bereits ein Plus von 1,6 Grad. Vergleicht man das Jahrzehnt von 1881 bis 1890 direkt mit der Dekade von 2011 bis 2020, knackt der Temperaturanstieg bereits die Zwei-Grad-Marke.2. Rekord-Konzentrationen der schädlichsten TreibhausgaseKohlenstoffdioxid (CO2), Methan und Lachgas erreichten im vergangenen Jahr die höchsten jemals gemessenen Konzentrationen in der Erdatmosphäre, wie die Weltorganisation für Meteorologie im Oktober bekannt gab. Die drei Gase sind die Haupttreiber der Klimakrise.Der größte Feind im Kampf gegen die Erderhitzung ist dabei CO2, das zwei Drittel (66 Prozent) aller Treibhausgase ausmacht, und laut Klimaforschern Hauptursache für die zunehmenden Wetterextreme ist. Es entsteht vor allem durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas.Auch Methan belastet die Atmosphäre extrem: In den ersten zwanzig Jahren erhitzt es das Klima rund 84 Mal so stark wie CO2. Gemessen über einen Zeitraum von 100 Jahren hat es immer noch eine Wärmewirkung, die 25-mal so stark ist. Methan findet sich jedoch in deutlich geringerem Umfang in der Atmosphäre (16,3 Prozent) als das bekanntere CO2. Verantwortlich für den menschengemachten Methanausstoß sind vor allem fossile Brennstoffe, Abfallverrottung und die Landwirtschaft.Lachgas besitzt sogar die 300-fache Klimawirkung von CO2 und ist ähnlich langlebig, hat von den dreien allerdings den geringsten Anteil an der Treibhausgasbelastung der Atmosphäre (6,5 Prozent). Das Klimagas stammt vor allem aus der Chemieindustrie sowie der Landwirtschaft.3. Die Zahl der Kranken und Toten steigtIn den vergangenen zwei Jahren haben Überschwemmungen, Waldbrände, Dürren und Hitzerekorde für großflächige Zerstörung auf jedem Kontinent gesorgt: Tausende starben, Millionen mussten fliehen, die materiellen Schäden lagen allein 2021 bei mehr als 253 Milliarden US-Dollar. Während sich vor zehn Jahren beim Stichwort Klimakrise viele vor allem um ausgemergelte Eisbären sorgten, sind inzwischen die massiven gesundheitlichen Folgen der Erderhitzung für Milliarden Menschen inzwischen deutlicher denn je.Seit 2017 veröffentlicht „The Lancet“, die älteste und renommierteste medizinische Fachzeitschrift der Welt, jährlich neue Erkenntnisse dazu, wie bedrohlich die klimabedingten Wetterextreme bereits geworden sind. Der jüngste sogenannte Lancet-Countdown von Oktober 2022 zeigt, welche Gesundheitsgefahren besonders akut sind.Die Zahl der Hitzetoten ist weltweit um 68 Prozent gestiegen. Verglichen wurde dabei die hitzebedingte Übersterblichkeit in den Zeiträumen von 2000 bis 2004 und 2017 bis 2021. Besonders gefährlich sind Tage mit 30 Grad Celsius oder mehr für Babys und ältere Menschen ab 65.Infektiöse Krankheiten breiten sich stärker aus. Die steigenden Temperaturen erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Malaria-Erkrankungen und Dengue-Fieber. Gerade in den Hochlandregionen von Afrika sowie Nord- und Lateinamerika sind infizierte Mücken bereits deutlich länger aktiv. Auch in Europa begünstigt das wärmere Klima schon jetzt die Ausbreitung von Malaria, Dengue und des ebenfalls durch Viren ausgelösten West-Nil-Fiebers.Die Allergiesaison wird länger. Durch steigende Frühjahrstemperaturen beginnt in Europa die Blütezeit von Buchen, Erlen und Olivenbäumen im Durchschnitt 10-20 Tage früher als noch in den 1980er-Jahren. Im Alpenraum sowie auf dem Balkan und in den skandinavischen Gebirgsregionen startet die Allergiesaison sogar einen Monat früher als damals.Unterernährung ist auf dem Vormarsch. Die Wachstumsphasen von Mais, Winter- und Sommerweizen sind weltweit bereits neun bzw. sechs Tage kürzer als noch im Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010. Auch hierfür sind die immer höheren Temperaturen verantwortlich. 2020 waren aufgrund von Hitzewellen knapp 100 Millionen Menschen mehr von mittlerer bis schwerwiegender Ernährungsunsicherheit betroffen als im Vergleichszeitraum.Die Folgen von fossiler Luftverschmutzung bleiben tödlich. Gerade Diesel- und Benzinmotoren belasten die Atemluft weiterhin mit Feinstaub. In Europa starben zuletzt (2020) 117.000 Menschen an Krankheiten, die Folgen dieser Luftverschmutzung sind.Was nun geschehen müssteAll das droht weiter zu eskalieren, wenn die Weltgemeinschaft nicht hält, was sie versprochen hat: Die Erderhitzung deutlich unter einem durchschnittlichen globalen Temperaturanstieg von 2 Grad Celsius zu stoppen – besser noch bei 1,5 Grad. So steht es im Pariser Klimaabkommen der Vereinten Nationen (UN) von 2015.Doch: Seitdem hat sich viel zu wenig bewegt. Läuft es weiter wie bisher, steht der Erde ein Temperatur-Plus von 2,8 Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts bevor.Wie also lassen sich die schlimmsten Auswirkungen der Klimakatastrophe noch verhindern? Die Antwort klingt angesichts der immensen Herausforderung fast profan: Die Treibhausgasemissionen auf der ganzen Welt müssen runter. Koste es, was es wolle.Doch auch wenn sämtliche aktuellen Klimapläne der UN-Staaten umgesetzt werden, erhitzt sich unser Planet bis zum Jahr 2100 immer noch auf 2,4 bis 2,6 Grad Celsius. Anders ausgedrückt: Selbst an diesem Punkt ist nur dann Schluss, wenn die Regierungen alle Versprechen tatsächlich rechtzeitig umsetzen.Wie weit Klimawunsch und -wirklichkeit auseinanderklaffen, zeigt der neueste Bericht zur sogenannten Emissionslücke: Um die Notbremsung bei einem Plus von 1,5 Grad noch zu schaffen, müsste sich der Ausstoß von Treibhausgasen im Vergleich zu 1990 schon bis 2030 fast halbieren (-45 Prozent). Es bleiben also acht Jahre, um die Emissionen massiv zu drosseln. Doch bisher ist das Gegenteil der Fall.Zwischen 1990 und 2021 sind die Emissionen um 49 Prozent gestiegen, so die Analyse der US-Klimabehörde NOOA aus dem Sommer. In Europa sinkt die Menge der jährlich verursachten Treibhausgase bereits, wenn auch zu langsam – hier liegt der Wert laut der EU-Umweltbehörde 34 Prozent unter dem von 1990. Dass die Gesamtbilanz der Welt jedoch immer höher klettert, liegt vor allem an Entwicklungs- und Schwellenländern.Obwohl Industrieländer historisch die größte Verantwortung für die Klimakrise tragen, ist inzwischen der globale Süden der stärkste Treiber der Erderhitzung. Zwei Drittel der weltweiten Klimagase entsteht in ärmeren Staaten, die in vielen Fällen jedoch weder genug Geld für zügigen Klimaschutz noch dafür haben, sich an die veränderten Klimabedingungen anzupassen. Auch hier sind deshalb die reichen Länder gefragt. Sie müssen mithelfen, um in weniger als einem Jahrzehnt den globalen Trend radikal umzukehren.Kann der Stopp bei 1,5 Grad Erhitzung überhaupt noch klappen? „Möglicherweise nicht“, gibt UN-Umweltchefin Inger Andersen zu. „Aber wir müssen es versuchen. Jeder Bruchteil eines Grades zählt für verletzliche Bevölkerungsgruppen, für Tierarten und Ökosysteme und für jeden Einzelnen von uns.“ Kurz: Auch wenn das Ziel verpasst werden sollte, lohnt es sich, um jedes Zehntelgrad zu kämpfen.
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