Der Fall Marco W.: Mord wegen 1.000 Euro? Prozessauftakt in Bremen

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Der Fall löste über Bremens Grenzen hinweg Entsetzen aus: Marco W. wird getötet, seine mutmaßlichen Mörder sind auf freiem Fuß. Jetzt startet der Prozess.Marco W. wurde nur 46 Jahre alt. Seine mutmaßlichen Mörder sollen ihn erdrosselt, seine Leiche zerstückelt und an verschiedenen Orten rund um Bremen vergraben haben. Bis heute sind nicht alle Teile seines Körpers gefunden worden.Nicht nur deshalb machte der Fall über die Grenzen der Hansestadt hinaus Schlagzeilen. Es waren nicht nur die Umstände seines Todes, die für Entsetzen sorgten. Auch dass seine möglichen Mörder aufgrund von Justizversäumnissen vorzeitig aus der Untersuchungshaft entlassen worden waren, sorgte für Aufsehen. Nun steht der Prozess gegen die drei mutmaßlichen Mörder bevor. Ein Überblick kurz vor Prozessstart.Die Geschichte beginnt zunächst mit einem Vermisstenfall: Im März 2021 wendet sich die Bremer Polizei erstmals an die Öffentlichkeit. Ein 46-jähriger Mann aus Bremen-Neustadt werde gesucht, hieß es in der Mitteilung.Mitteilung macht stutzigDoch ein Detail im Text der Polizei machte bereits damals stutzig: Schon Ende April 2020 habe W. demnach “seinen gewohnten Lebensbereich in Bremen” verlassen; zum letzten Mal sei er am 7. Mai 2020 in Hamburg gesehen worden. Die Frage, die sich aufdrängte: Warum holte die Polizei erst elf Monate nach seinem Verschwinden die Bevölkerung mit ins Boot und bat um Hinweise?Dass Marco W. zu diesem Zeitpunkt bereits tot war, die Beamten aber dennoch vermuteten, er könnte sich Anfang Mai noch in Hamburg aufgehalten haben, hatte einen perfiden Grund: Nach den bisherigen Informationen der Ermittlungsbehörden wollten die mutmaßlichen Täter W.s Familie genau das glauben machen. Es war wohl Teil des Plans – ausgeheckt von drei Männern, den mutmaßlichen Mördern des 46-Jährigen.Die Staatsanwaltschaft geht von folgendem Szenario aus, das sich am 22. April 2020 im von W. vermieteten Wohnhaus abgespielt haben soll: Zunächst sollen der 41-jährige Mirco P. und sein mutmaßlicher Komplize, der 32 Jahre alte Patrick E., Marco W. an Händen und Füßen gefesselt haben. Der dritte Angeklagte Florian G., 40 Jahre alt, habe im Anschluss dem Opfer mehrmals mit der Faust ins Gesicht geschlagen.Täter sollen Opfer erwürgt habenDas Trio stahl dem 46-Jährigen sein Portemonnaie und forderte ihn laut Anklage auf, seine PIN-Nummer zu verraten. Dem sei W. nach Auffassung der Staatsanwaltschaft zwar nachgekommen, trotzdem habe Florian G. so lange “wuchtig mit der Faust auf den Kopf des Geschädigten eingeschlagen”, bis dieser ohnmächtig wurde. Während Patrick E. und Mirco P. ihr Opfer laut den Vorwürfen in den Keller des Gebäudes schleppten und dort strangulierten, bis W. starb, habe Florian G. 1.000 Euro vom Konto des Toten abgehoben.Das Geld teilten die Männer laut Anklage unter sich auf, ebenso hätten sie sein Auto und das seiner Mutter verkauft und den Erlös für sich behalten. Und sie stahlen offenbar das Mobiltelefon des 46-Jährigen. Dieser Umstand sollte für den weiteren Verlauf noch wichtig werden.Denn wie die Ermittler vermuten, schrieben die Männer der Schwester des Toten regelmäßig Textnachrichten und erweckten so den Eindruck, Marco W. würde noch leben. So sei es auch dazu gekommen, dass sich seine Schwester erst Monate später Sorgen machte und zur Wohnung ihres Bruders fuhr, wie sie dem “Weser Kurier” vor wenigen Tagen in einem Interview sagte.Schwester anfangs arglosSorgen habe sie sich anfangs nämlich keine gemacht, sagte sie dem Bericht nach. Doch als Marco W. weitere Wochen später immer noch nicht auf Nachrichten antwortete und sich auch an ihrem Geburtstag nicht bei ihr meldete, fuhr sie zu seiner Wohnung. “Der Briefkasten quoll über”, erinnert sie sich im Interview. Da habe sie gewusst, hier stimme etwas nicht.Erst im Herbst 2021, also rund eineinhalb Jahre nach dem mutmaßlichen Mord an W., nahm die Polizei die drei Verdächtigen fest. Sie kamen in Untersuchungshaft, im Dezember erhob die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Mordes.Die Schwester von Marco W. lernte in dieser Zeit gerade mit dem Tod ihres Bruders umzugehen, da traf sie wenige Monate später bereits der nächste Schock: Weil das Landgericht Bremen eine Frist hatte verstreichen lassen und die Angeklagten seit mehr als sechs Monaten in U-Haft saßen, mussten alle drei Männer wieder auf freien Fuß gesetzt werden.Kammer überlastetDas Hanseatische Oberlandesgerichts (OLG) hob die Haftbefehle gegen die Männer auf, am 11. Mai 2022 verließ das Trio das Gefängnis – nur wenige Wochen vor dem geplanten Prozessauftakt am 30. Mai.In Deutschland dürfen Personen nicht länger als sechs Monate in U-Haft sitzen, so sieht es der Paragraf 121 der Strafprozessordnung (StPO) vor. In Ausnahmefällen ist dies dennoch möglich, doch das OLG folgte den – verspätet – dafür vorgebrachten Gründen des Landgerichts nicht. Das Landgericht hatte die Verzögerung unter anderem damit begründet, dass zahlreiche Ermittlungsergebnisse noch nicht vorgelegen hätten.Zudem machte das Landgericht darauf aufmerksam, dass allein die Hauptakte 2.100 Seiten stark sei, die Gesamtakte sogar 4.200 Blätter umfasse. “Die Einarbeitung in das umfangreiche Verfahren gestaltete sich angesichts der oben dargelegten Belastung der Kammer, des Umfangs der Akte und der zu prüfenden Rechtsfragen als äußerst schwierig”, hieß es. Doch das OLG blieb bei seiner Auffassung, die Angeklagten kamen aus dem Gefängnis frei.”Die Justiz hat komplett versagt”Für die Schwester des Toten, die im Verfahren als Nebenklägerin auftreten will, sei das “eine skandalöse Schlamperei”, sagte sie der “Bild”-Zeitung. “Es geht hier um Mord, nicht um einen kleinen Diebstahl. Die Justiz hat komplett versagt.“ Ihr Anwalt Roman von Alvensleben sagte dem Bericht zufolge: “Auf der Straße laufen drei offenbar hochgefährliche Männer herum, die wegen 1.000 Euro einen Menschen umgebracht haben sollen. Eine brisante Situation.”Im Gespräch mit dem NDR charakterisierte die 28-Jährige ihren Bruder als “offenen Menschen”, der kontaktfreudig gewesen sei und “immer zuverlässig”. Freunde hätten auf ihn bauen können. Auch zwei der drei Angeklagten habe sie kennengelernt und zu denen “eigentlich auch ein recht gutes Verhältnis” gehabt, sagte sie dem “Weser Kurier”. Heute glaube sie, dass die Männer nur Informationen zum Ermittlungsstand der Polizei abgreifen wollten.Über die Angeklagten selbst ist bislang nicht viel bekannt. Auf seinem Facebook-Profil zeigte sich der 41-jährige Mirco P. zum Beispiel einst mit dem Schriftzug “Deutscher Patriot”, was die Bremer Grünen dazu animierte, genauer nachzufragen. In einer Tischvorlage für eine Fragestunde der Bremischen Bürgerschaft wollte die Partei vom Innenressort wissen, ob bei dem mutmaßlichen Mord womöglich rechtsextremistische Motive vorgelegen hätten. Laut Innenressort seien für “einen rechtsextremistischen oder anderweitig politisch motivierten Hintergrund” jedoch “keine Hinweise oder Erkenntnisse” gewonnen worden.Die Anklage geht davon aus, dass das Trio den Körper von W. zerteilt und an verschiedenen Orten rund um Bremen vergraben hat. Doch bis auf seinen Torso, der im Zuge einer großen Polizeisuchaktion bei Wümmingen, zwischen Ottersberg und Posthausen im Landkreis Verden, gefunden wurde, sind die übrigen Teile bis heute verschwunden geblieben. So fehlt von seinem Kopf, den Händen und Füßen weiter jede Spur.28 Verhandlungstage angesetztKlarheit schafft wahrscheinlich nur die Hauptverhandlung. Zwar hatten alle drei Angeklagten Angaben zur Tat gemacht, wie mehrere Medien übereinstimmend berichteten. Doch diese seien so widersprüchlich gewesen, dass sogar die Generalstaatsanwaltschaft sich einst dagegen ausgesprochen hatte, den Fall zu verhandeln. Das OLG entschied letztlich aus formalen Gründen, wie weiter oben bereits skizziert, das Verfahren damals nicht beginnen zu lassen.Prozessauftakt ist nun am 8. Februar. Das Landgericht Bremen hat zunächst 28 Verhandlungstage terminiert. Ein Urteil könnte nach jetzigem Stand im Sommer dieses Jahres gesprochen werden. Bei einer Verurteilung wegen Mordes drohen den Männern lebenslange Haftstrafen.Die Schwester von W. erhoffe sich in erster Linie Aufklärung, sagte sie dem “Weser Kurier”. Genugtuung verspreche sie sich nicht, denn sie wisse auch: “Vor Gericht gibt es keine Gerechtigkeit, sondern ein Urteil.”
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